vildvuchs im wilden Interview.

Die wilde Seele aus der Stadt.

Diesmal im Interview mit uns ist die liebe Victoria. Sie hat in München ihr wildes Kräuterparadies gefunden. Von ihr als Kräuterpädagogin, nachhaltigem Foodie und Gesundheitswissenschaftlerin können wir eine Menge lernen. Zum Beispiel auf Instagram, aber auch in ihren Workshops um Wildkräuter, Fermentation oder Naturkosmetik. Zu jeder Jahreszeit streift sie durch München, um Knospen, Blätter, Blüten und Wurzeln zu sammeln und zu tollen Rezepten zu verarbeiten. Ganz experimentierfreudig, nachhaltig, mit Respekt für die Natur. Sie hat uns dieses Jahr auch auf unserer kruut-Wildkräuterwanderung in München begleiten (Lesezeit 5 Minuten).


Wo & wie findest du ein bisschen Wildnis im Alltag?


Ich wohne ja wirklich sehr zentral in München, aber trotzdem sehe und finde ich Wildnis sobald ich aus der Haustür trete. Wenn man wirklich darauf achtet, dann sieht man wilde Natur überall. Ob in Mauerritzen, in der Hofeinfahrt oder im Park nebenan.


Wenn ich das Bedürfnis nach Wildnis habe, dann schnappe ich mir einen Beutel und gehe in den Park um die Ecke oder laufe an der Isar entlang. Sobald ich die Wildkräuter und Bäume sehe setzt bei mir eine innere Ruhe ein und kreative Gedanken können wieder fließen. Auch wenn ich immer die gleiche Strecke gehe - es wird nie langweilig, weil sich die Natur so schnell verändert und es immer wieder etwas Neues zu entdecken gibt. Ein paar Handvoll essbare Wildkräuter nehme ich mir immer mit und verarbeite sie daheim zu wilden Leckereien. Das ist meine tägliche wilde Auszeit im Alltag.


Bei Wildkräutern denkt man eher an Wald und Natur. Du wohnst in München. Ist das nicht ein krasser Kontrast?


Das dachte ich mir während meiner Ausbildung zur Kräuterpädagogin auch. Da die Ausbildung auf dem Land stattgefunden hat, hatte ich erst keinen Bezug zur Stadtnatur. Da ich aber nicht immer die Zeit hatte weit aufs Land rauszufahren, war meine Motivation groß, auch in der Stadt essbare Wildpflanzen zu finden und man muss wirklich nicht weit gehen. Man muss nur seine Augen richtig lenken und auf einmal scheinen sie wirklich überall zu sein.

Die Vielfalt an Wildpflanzen empfinde ich in der Stadt sogar als größer als auf vielen Strecken auf dem Land. Hier habe ich viele Habitate von trockenen, sandigen Böden bis hin zu feuchteren Waldstücken und das auf einem sehr kleinen Gebiet.

Die Pflanzen sind also definitiv vorhanden, das ist nicht das Problem. Worauf man allerdings in der Stadt achten muss, sind Hunde und erhöhte Abgase. Hier gilt natürlich auch, wie auf dem Land, nicht von Wegrändern oder Plätzen, wo viele Hunde unterwegs sind, sammeln.

Wer sehr große Bedenken wegen der Hunde hat, der kann sich auf Sträucher und Bäume fokussieren. Essbare Bäume sind eine meiner großen Leidenschaften geworden. Von Linde, Buche und Ahorn gibt es so viele Leckereien zu ernten. Auch hier gilt nicht direkt von Sträuchern und Bäumen von der Straße. Allgemein erntet man bei Wildkräutern und Bäumen sehr junge Blätter, die ein paar Wochen alt sind. Deswegen ist hier das Abgasproblem nicht sehr groß. Da würde ich mir mehr Sorgen machen, wo mein Gemüse aus dem Supermarkt gewachsen ist und mit was es alles bespritzt wurde.


Die Wildkräuter sammelst du ja nicht nur zum Anschauen, sondern auch zum Essen. Was muss man beachten?


Also vor der Verarbeitung gilt erst einmal nachhaltig zu sammeln. Das bedeutet, dass ich den Bestand der Pflanze nicht gefährde. Sind genug Pflanzen dieser Art in der nächsten Umgebung oder steht sie alleine? Wenn genug Pflanzen vorhanden sind, dann nehme ich trotzdem nur gewisse Teile, zum Beispiel Baumblätter ganz verteilt vom Baum und auch erst von größeren Bäumen.

Man verfällt viel zu leicht in eine Sammelwut, wenn man einen tollen Bestand einer Pflanze gefunden hat. Vorher sollte man sich genau überlegen, wie viel man benötigt und ob man die Zeit dazu hat, die Wildpflanzen auch gleich weiterzuverarbeiten.


Für alle, die neu im Thema sind: Gibt es ein Rezept, das immer gelingt?


Oh da gibt es so vieles. Aber ich denke die Brennessel ist da ein sehr guter Kandidat für Anfänger. Sie schmeckt sehr lecker, jeder kennt sie und man kann sie im Grunde in allen Rezepten gegen Spinat austauschen. Dafür erntet man immer die obersten Triebspitzen der Brennessel und benutzt zum Ernten Gummihandschuhe. Durch die Hitze des Kochvorgang werden die Brennhaare zerstört und man braucht keine Angst mehr vor dem Stechen zu haben.

Tipp: Auch zu leckeren, crunchy Chips lassen sich Brennesselblätter verarbeiten. Entweder einfach mit einem Pinsel mit ein bisschen Öl einpinseln und im Backofen backen bis sie knusprig sind oder in einem Tempurateig ausbacken.


Von welchem Wildkräutergericht kannst du persönlich einfach nicht genug bekommen?


Definitiv mein asiatisch angehauchtes Bärlauch-Stängel-Stir fry. Anleitung dazu gibt’s in meinem Bärlauch E-Book.


Was motiviert dich zu deiner Arbeit?


Die staunenden und auch begeisterten Gesichter von Menschen, denen ich altes, vergessenes Wissen beibringen kann. Ich hoffe, dass ich durch meine Leidenschaft für und mein Wissen um essbare Wildkräuter Menschen für unsere Umwelt und vor allem den nachhaltigen Umgang mit unserer Natur begeistern kann.


Welcher war der schönste Moment bei deiner Arbeit bisher? 


Im Mai 2019 organisierte ich das Wildkräuter Event "From Tree to Table", bei dem es um essbare Bäume ging. Ein ganzer Tag mit Kräuterwanderung, gemeinsamem Kochen auf dem Feuer und anschließendem Dinner an einer langen Tafel mitten im Wald. Es war einfach eine so schöne Stimmung, die Teilnehmer waren begeistert und am Ende des Tages hat es sich angefühlt wie ein Tag mit guten Freunden. Das ist zwar eine unglaublich hohe organisatorische Arbeit und kein Event, das ich sehr oft umsetzen könnte. Aber allein dafür, dass ich für dieses Gruppe so schöne Erinnerungen und Erlebnisse schaffen konnte, hat es sich gelohnt.

Hier noch ein paar wilde Kurzfragen an dich:


Dein Lieblingskraut: Hagebutte

Dein Tipp um mit dem Sammeln zu starten: Erst einmal Augen auf und neugierig sein und mit einem Bestimmungsbuch losziehen und Pflanzen bestimmen. Am besten noch ein eigenes Notizbuch starten und sich nicht zu viel vornehmen. Am Anfang reicht es, doch 2-3 Pflanzen sicher bestimmen zu können und damit erst einmal ein paar Rezepte auszuprobieren. Wer sich nicht alleine traut, dem kann ich natürlich eine Wildkräuterwanderung mit einem Experten empfehlen.

Beste Kräuterbibel: Enzyklopädie der essbaren Wildpflanzen

Dein Lieblingsort: Isarauen und Englischer Garten in München

Eine Weisheit, die nie verloren gehen darf: Wenn die Menschen das ‚Unkraut' nicht nur ausreißen, sondern einfach aufessen würden, wären sie es nicht nur los, sondern würden auch noch gesund. - Johann Künzle -

Deine Pläne für 2020: Videos für einen Wildkräuter Online Kurs drehen.


Vielen Dank, liebe Victoria, für diese schöne Interview! Schaut unbedingt bei ihr vorbei. Auf ihrer Webseite findet ihr Victorias kommende wilde Events und geniale Rezepte. Auf Instagram nimmt sie euch außerdem mit auf ihre Sammelrouten in München. Es gibt bei ihr eine Menge zu lernen und zu entdecken!


Bilder von Coco Gonser Photography

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