Blatt & Dorn im wilden Gespräch.

Wir durften die liebe Valerie von Blatt&Dorn (digital) für ein wildes Gespräch treffen. Die Österreicherin ist nicht nur Kräuterpädagogin, sondern auch Agrarwissenschaftlerin. Sie erklärt uns, was Landwirte gegen “Unkraut” haben und welche negativen Konsequenzen das für unsere Natur hat. Sie zeigt auch auf, was sich in Zukunft ändern muss und welche Rolle dabei unsere wilden Freunde spielen. Passend zur rauhen Jahreszeit verrät sie uns noch ihre liebste Räuchertradition (Lesezeit 8 Minuten).


"In der Natur gibt es keine störende oder falschen Pflanzen. Alles hat seine Berechtigung. Das Wort “Unkraut” gibt es auch erst seit der Mensch Landwirtschaft betreibt."

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Du bist schon seit langer Zeit mit dem Wildkräuter-Thema vertraut, denn es liegt sozusagen in deiner Familie. Wie genau bist du mit dem Thema in Berührung gekommen?


Tatsächlich durch meine Großeltern. Mein Opa hatte und hat, er ist 92 Jahre alt, einen kitschig-romantischen Bezug zu ihnen. Vor allem zu wilden Frühlingskräutern wie Veilchen, Buschwindröschen und Leberblümchen. Seine Erzählungen dazu und unsere fast täglichen Spaziergänge im Wald zählen zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen. Sie sind auch “Schuld” daran, dass ich noch heute im Frühling mit dieser fast kindlichen Betrachtung der Pflanzenwelt durch den Wald gehe und staune. Für mich waren die wilden Pflanzen im Frühling so etwas wie Märchenfiguren. Meine Mama las mir auch viele Bücher vor, in denen Pflanzen menschliche Gestalt hatten.


Und meine Oma erkannte Pflanzen bereits an den ersten Keimblättern, was wirklich nicht einfach ist. Sie beschäftigte sich auch viel mit Heilkräutern und hatte viele Bücher. Leider verstarb sie als ich noch zu jung war, um mich für das Thema zu interessieren. Nach ihrem Tod, als bei mir durchs Studium der Agrarwissenschaften das Interesse für Wildkräuter stieg, fand ich eine alte Skizze von ihr. Sie hatte das Leimkraut gezeichnet und mit Farbstift daneben notiert “Schönes Unkraut”. Da hat’s irgendwie bei mir “Klick” gemacht und das Bild hängt jetzt in meinem Arbeitszimmer.


“Klick” hat’s auch gemacht, da in meinem Studium ja gerade Wildkräuter als vernichtungswürdige Unkräuter betrachtet wurden. Vor allem in der konventionellen Landwirtschaft ist das so. Und das hat mich immer schon gestört, da ich die Natur schätze und liebe. Durch die Notiz meiner Oma wurde mir dann klar, dass gerade diese wilden Kräuter, diese Unkräuter, wieder mehr Wertschätzung verdienen. Spätestens durch meine Ausbildung zur Kräuterpädagogin wusste ich dann auch, dass viele davon früher als Nahrung oder Medizin eine wichtige Lebensbasis bildeten.



Du hast Agrarwirtschaft studiert und weißt mehr darüber, warum Landwirte häufig Wildpflanzen vernichten. Wie machen sie das?


Der Grund ist recht simpel. Nämlich aus Angst vor wirtschaftlichen Verlusten. Aus Angst der Wildwuchs zwischen den Kulturpflanzen könnte den Ertrag reduzieren. Was ab einer bestimmten Menge sicherlich der Fall ist, aber nicht pauschal gilt. Vorsorglich Felder und Saatgut mit Herbiziden zu behandeln, finde ich nicht sinnvoll.


Früher und viele Jahrtausende lang wurde “Unkraut” - also der Wildwuchs zwischen den gewünschten Kulturpflanzen - mechanisch mit der Hand, mit Tieren und Geräten entfernt. Eine mühsame, aber umweltverträgliche Variante. Mit der industriellen Agrar- Revolution und der Entwicklung der Agrochemie wurden die alten, natürlichen Verfahren zunehmend abgelöst. Durch den günstigeren Einsatz von chemisch-synthetisch hergestellten Pestiziden wie Herbizide.


Das Wort Herbizid (Unkrautbekämpfungsmittel) stammt aus dem lateinischen von herba ‚Kraut‘, ‚Gras‘ und lat. caedere ‚töten‘. Es sind Substanzen, die “störende” und unerwünschte Pflanzen abtöten und vernichten. In der Natur gibt es aber keine störende oder falschen Pflanzen. Alles hat seine Berechtigung. Das Wort “Unkraut” gibt es auch erst seit der Mensch Landwirtschaft betreibt. Also etwa seit 10.000 Jahren. Davor galten viele Wildpflanzen als Nahrungs- und damit Lebensgrundlage.


Welche Folgen hat dieser Prozess für unsere Böden und Tiere?


Heute ist bereits allseits bekannt, dass gewisse Pestizide unter anderem auch Herbizide zu einem massiven Insekten- und Nützlingssterben führen können. Das weltweite Bienensterben ist dabei nur das prominenteste Beispiel. Herbizide sorgen außerdem ganz klar dafür, dass die Pflanzenvielfalt zurückgeht. Wildkräuter werden für unsere Weizen-, Raps- und andere Monokulturen vernichtet. Es geht die für die Natur so wichtige Artenvielfalt verloren. Böden leiden unter einer einseitigen Durchwurzelung. Man muss sich vorstellen, dass jede Pflanze andere Wurzeln ausbildet und damit auch wieder Lebens- und Nahrungsgrundlage für Bodenlebewesen und wichtige Mikroorganismen bietet. Ist die Durchwurzelung homogen, zieht das nur gewisse Lebensformen an. Das kann wiederum Einfluss auf den Wasser- und Nährstoffhaushalt des Bodens und die Bodenfruchtbarkeit haben. Der großflächige Einsatz von Herbiziden führte z.B. auch dazu dass die Kamille, die früher eine ganz typische Begleitpflanze in Getreidefeldern war, wild kaum mehr zu finden ist. Früher war sie aber ganz normal.


Wieso sind Wildkräuter für die gesamte Agrarwirtschaft so wichtig?


Sie sind zum einen Lebens- und Nahrungsgrundlage vieler wichtiger Nützlinge wie Bienen, Hummeln, Marienkäfer, Schmetterlinge etc. Wir brauchen diese Nützlinge als Bestäuber für unsere Kulturpflanzen. Und auch als “Schädlingsbekämpfer”, da sie auf natürliche Weise “Schädlinge” in Schach halten können. Außerdem sorgen die wild wachsenden Kräuter für eine Bodenbedeckung, da sie die Ersten sind die einen brachliegenden, offenen Boden besiedeln. Ein offener Boden ist in der Natur nie gut, denn Wasser und Bodenfruchtbarkeit gehen schnell verloren. Man kennt das ja aus dem Garten oder auch vom Balkon…


Wildkräuter wie Löwenzahn oder Vogelmiere sind die ersten und sofort zur Stelle, wenn die Erde umgegraben wird und brach liegt. Sie schützen mit ihrer “Pioniertätigkeit” den Boden also nachhaltig vor Austrocknung. Heute weiß man außerdem dass sich ein gewisser Anteil an “Beikräutern” (wie man sie schon immer genannt findet) sogar positiv auf die Bodenstruktur und Bodenlebewesen auswirken kann.

Einen weiteren Punkt darf man nicht ausser Acht lassen, wenn man über den Zusammenhang von Agrarwirtschaft und Wildpflanzen spricht. Nämlich, dass alle unsere Kulturpflanzen ursprünglich aus wildwachsenden Pflanzen gezüchtet wurden. Sie sind die Basis unserer pflanzlichen Ernährung. Wer weiß ob das nicht auch für die Zukunft nochmal spannend und wichtig wird.


Brauchen wir eine Revolution in der Agrarwirtschaft? Wie sind ihre Möglichkeiten für einen besseren Umgang mit der Natur?


Ich wäre sofort für eine Revolution und dafür vollständig auf biologische und/oder Demeter Landwirtschaft sowie Permakultur zu setzen. Bei Bio ist der Einsatz von chemisch-synthetischen Pestiziden weitgehend verboten und es gibt in den alternativen Landwirtschaftsformen nachhaltigere Methoden für den Umgang mit Beikräutern. Die schlagen sich allerdings dann auch oft im Preis nieder, weil sie einfach arbeitsintensiver sind. Und das wiederum kann sich nicht jedeR leisten. So wie bei allen großen Themen und Krisen unserer Zeit haben wir es auch hier mit einem sehr komplexen Thema zu tun.


Wäre das auch realistisch für große Höfe?


Ich bin der Meinung, dass es realisierbar ist. Hatte dazu aber bereits viele hitzige Diskussionen. Das Problem ist, dass große Höfe wahrscheinlich nicht 1:1 auf nachhaltigere Strukturen umstellen können. In einer Landwirtschaft aus mehreren Hektar großen Monokulturen wird auf Druck eine Kulturpflanze angebaut, die weder für das Klima, wo sie wächst, noch für den Boden geeignet ist. Hier wird die Umstellung auf Bio nicht wirklich machbar sein. Wird das an einem Hof seit Generationen so gehandhabt, lässt sich das Denken schwer durchbrechen.


Es braucht ein allgemeines Umdenken und sowieso auch eine Orientierung an den steigenden Temperaturen.

Was es meiner Meinung nach braucht, ist eine größere Wertschätzung von regional und saisonal produzierten Lebensmitteln aus bäuerlicher Struktur. Mehr Bewusstsein für pflanzliche Lebensmittel und mehr Wissen über die Produktion unseres Essens.

Weiß man einmal, was für eine lange Produktionskette hinter vielen Produkten steckt, schätzt man sie mehr. Oder lehnt es in meinem Fall weitgehend ab und orientiert sich mehr an naturbelassenen und weitgehend unbearbeiten, pflanzlichem Lebensmitteln.


Ich weiß es sind Schlagwörter, die man zum 100. Mal hört und liest. Und ich weiß, dass es ein Privileg ist, sich damit auseinander setzen zu können. Aber ich glaube es bedarf einfach mehr Wissen und Bewusstsein für Lebensmittel. Sonst wird sich nichts ändern. Sonst wird der benötigte Druck auf die Politik nicht groß genug werden. Und auch nicht die Bereitschaft der Menschen, die es sich leisten können (!), für ein Bio Produkt mehr zu bezahlen als für ein Konventionelles.


Wie würde deine ideale Lösung aussehen? Würdest du das gerne einmal selbst umsetzen in einem eigenen Hof?


Meine ideale Lösung ist Permakultur und ja, einen eigenen Hof hätte ich sehr gerne. Bin aber noch meilenweit davon entfernt und weiß auch nicht, ob ich das je ganz schaffe. Aktuell bin ich mit meinem Garten und dem bisschen Biogemüse, das ich ernte, schon teilweise überfordert ;)


Welchen Rat kannst du uns als Endverbraucher geben, um die Umwelt möglichst gut zu respektieren?


Weniger ist mehr! Und mehr Wertschätzung einfacher Dinge. Mir ist eine selbst gekochte Biokartoffel, mit einem Spritzer Hanfsamenöl, etwas Salz, Pfeffer und 2-3 selbstgepflückten Gänseblümchen lieber als der fertige Kartoffelsalat in der Plastikbox aus dem Supermarkt. Und mir ist eine Haarspülung aus Apfelessig mit Brennnesseltee lieber als die aus der Plastiktube mit aggressiven Duftstoffen und chemisch-synthetischen Inhaltsstoffen, die im Abwasser landen.



Passend zur Jahreszeit: Du räucherst gern mit Stövchen. Warum und wie funktioniert das?


Beim Räuchern mit Stövchen verglüht, im Gegensatz zum intensiven Ausräuchern mit Kohle, das Räuchwerk ganz sanft über der Wärmequelle - einer Kerze. Die wohltuenden Aromen der verwendeten Kräuter, Harze, Rinden etc. werden frei und verteilen sich ganz sachte im Raum. Beim Ausräuchern kommt es zu einer stärkeren Rauchentwicklung und der Pflanzenrauch verteilt sich schnell im ganzen Raum. Das hat seine Vorteile, nutze ich aber nur zu speziellen Anlässen wie den Jahreskreisfesten und in den Raunächten. Räuchern mit Stövchen kann ein tägliches Ritual am Abend sein, kann Yoga oder Meditationen begleiten. Das Stövchen wird dazu an einem Platz positioniert und etwa 1 TL getrocknetes Räucherwerk aufgelegt. Über Stunden steigt dann ganz sanft der feine Pflanzenrauch auf. Mit geeigneten Mischungen können diese sanften Räucherungen beim Entspannen, Kraft und Ruhe finden helfen und die Stimmung positiv beeinflussen.

Wann räucherst du am liebsten?

Abends, zu den Jahreskreisfesten und auch gerne wenn Gäste da sind. Menschen reagieren sehr positiv auf angenehme, sanfte Pflanzendüfte. Das schafft eine gemütliche und verbindende Atmosphäre.

Hast du eine liebste Kombination an Kräutern?

Puh, eine sehr schwere Frage. Ich mag den Duft von Kamillenblüten am Stövchen. Ganz besonders auch Hölzer, Orangenschale und Fichtenharz. Eine der für mich persönlich fantastischsten Kombinationen wird aber immer die aus Styrax, Rosenblüten, Weihrauch und Angelikawurzel sein.



Könntest du uns zuletzt noch dein liebstes Wildkräuterrezept verraten?

Das variiert ständig. Aber im Moment sind das die Brennnessel Chips.



Rezept:

  • vier Hände voll Brennnesselblätter

  • 4 TL Bratöl

Frische Brennnessel an einem trockenen Tag sammeln und nicht waschen. Am besten geeignet sind die größeren Blätter der oberen zwei bis drei Blattreihen.


Die Blätter lnebeneinander auf ein Backblech legen. Bratöl mit reichlich Salz und Pfeffer in einer Schüssel mischen und die einzelnen Brennnesselblätter damit bepinseln.

Oder die Blätter in die Schüssel zum Öl geben, alles gut miteinander mischen und aufs Blech legen. Bei 150° C für 10-15 Minuten im Ofen backen bis sie schön knusprig sind. Am besten schmecken mir die Chips frisch gemacht und noch etwas warm aus dem Ofen.


Valeries wilder Steckbrief


Dein liebstes Ritual: Mein Morgentee aus frischen Wild- und Gartenkräutern

Dein Lieblingskraut: aktuell wieder mal die Brennnessel

Dein Kraftort: ein gewisser Bergsee

Der schönste Moment deiner Arbeit: die AHA Erlebnisse und das Staunen meiner TeilnehmerInnen bei Workshops und Kräuterwanderungen

Deine Sicht auf Social Media: früher notwendiges Übel, heute schätze ich den Austausch. Pausen, Bürozeiten und offline Tage sind mir aber extrem wichtig. Ich nutze Social Media kaum privat sondern nur beruflich, wobei da die Grenze bei meiner Selbständigkeit natürlich immer wieder fließend ist.

Deine Mission: Menschen zu einem naturverbundeneren Leben anzuregen

Eine Sache, die du verbessern möchtest: noch mehr draussen in der Natur unterwegs zu sein und Yoga ;)

Eine Sache, für die du dankbar bist: dass ich mich selbständig machen und in ein Haus am Land mit Garten und angrenzenden Wald ziehen konnte



Liebe Valerie, vielen Dank für deine ausführlichen Antworten und die verständlichen Erklärungen. Wir finden es toll, dass du auf deinen Kanälen diesen wichtigen Themen Raum gibst. Nur so kann sich etwas ändern.

Besucht unbedingt Valeries Blog Blatt&Dorn und ihren Instagramkanal. Dort findet ihr außerdem ihre Workshops und Online-Kurse.